Perspektivenwechsel

In Kooperation mit Monika Reetz, ElternCoach aus Darmstadt/ Eberstadt (https://www.monika-reetz.de/), wollen wir an dieser Stelle zum Perspektivenwechsel einladen und zum Nachdenken anregen. 

 

Viel Spaß dabei!

Pädagogische Gedanken zum Corona Lockdown - Was brauchen Kinder jetzt?

„Lasst uns wieder Schule spielen!“ Diese Idee von Anne ( Drittklässlerin) wurde von Tom, Felix und Julian (1., 2. und 3.Klasse, Namen geändert) nach der Hofpause begeistert aufgenommen. Alle vier Kinder waren nun in der 4. Woche jeden Morgen in der „Notbetreuung“, jeden Morgen andere LehrerInnen, keine KlassenkameradInnen, keine FreundInnen…
Ihre Wochenaufgaben hatten sie mehr oder weniger bereitwillig erledigt, doch war ihr Ringen um Konzentration bzw. eine Unruhe spürbar…Vor der Pause hatte Anne bereits mit dem Erstklässler „Schule gespielt“: Sie hatte ihm Matheaufgaben an die Tafel geschrieben.
Schnell waren die Rollen verteilt: Die beiden Drittklässler waren Schulleiter und Lehrerin, die anderen beiden Schüler. Auch ich erklärte mich bereit, Schülerin zu sein. (In meinen eigentlichen Funktion als Religionslehrerin in 2 Schuljahren hatte ich an diesem Morgen „Betreuungsdienst“.) Wir drei wurden nun mit
Aufgaben an der Tafel, Arbeitsblättern und flott entworfenen Tests versorgt, Deutsch-, Mathe- und auch Kunstaufgaben waren dabei. Bei guten Leistungen wurde das Überspringen einer ganzen Klassenstufe in
Aussicht gestellt, bei schlechten eher das Sitzenbleiben… Alles wurden von ohne Murren akzeptiert, mehr noch: Die beiden „Kleinen“ arbeiteten mit höchster Konzentration, absolut ruhig und mit zunehmenden Eifer. Sie fieberten der Rückmeldung der beiden anderen entgegen! Die Motivation war um ein Vielfaches höher als bei der Erledigung ihrer „echten“ Aufgaben.

Dieses Erlebnis beschäftigte mich noch Tage danach. Was zeigte dieses Spiel?
Die Kinder hatten sich darin das geholt, was ihnen fehlte: Klare Verhältnisse, Strukturen, die sie kannten, klare Rollenaufteilung, Aufgaben, Begegnungen, Rückmeldungen. Sie hatten sich einen Raum geschaffen, einen Resonanz-Raum, der ihnen vertraut war. In diesem Raum wirkten sie ganz bei sich, engagiert, eifrig und fröhlich. 
Diese vier Kinder konnten seit einer Weile in die Schule gehen, ihre Eltern hatten ein Recht auf „Notbetreuung“. Die meisten anderen hatten und haben seit Wochen eine Situation, in denen ihnen wesentliche Säulen weggebrochen sind. Zum einen sind dies die Schule oder der Kindergarten. Beide Institutionen haben Wege der Kommunikation gefunden, die jedoch nur sporadisch oder indirekt, durch Medien gefiltert, möglich sind. Dieser fehlende Kontakt bedeutet das Fehlen von Zuspruch, Empathie, Bindung, Resonanz durch Pädagogen, ErzieherInnen, LehrerInnen. Überdies war und ist es den Kindern je nach Schulstufe über Wochen weitgehend nicht möglich, Freunde zu sehen, Training in Vereinen wahrzunehmen oder Kontakt zu Großeltern zu pflegen.
Der Wegfall jeglicher sozialen Beziehungen hat die Familien in eine absolute Ausnahmesituation gebracht, in der sie massiv auf sich selbst und ihre inneren Strukturen zurückgeworfen wird. Die Resilienz, die Widerstandskraft jedes Einzelnen und seine Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, ist in einem Maße
gefordert, wie es die meisten Menschen in unserer Gesellschaft noch nicht erlebt haben!
Möglich ist, dass Familien diese Auszeit der besonderen Art als wertvoll erleben. Genauso gut möglich ist, dass familiäre Probleme, die wirtschaftliche Situation oder wiederkehrende Konflikte sich verschärfen und die Isolation und das „Ausgeliefert-Sein“ noch lange in den Kindern nachwirkt.
Wie sie diese Zeit erlebt, ertragen oder genossen haben werden, wird für ihre außenstehenden Bezugspersonen in der „Neuen Realität“ wohl nur in Ansätzen nachvollziehbar, verstehbar werden.
Worauf wird es im Kontakt von Kindern mit ihren ErzieherInnen, LehrerInnen, Betreuungspersonen ankommen, wenn nun ganz allmählich Schritte in eine Art von Normalität gegangen werden?
Ich glaube, dass es in erster Linie um „Containing“ geht: Jesper Juul, der dänische Familientherapeut erklärt Containing als „die Fähigkeit erwachsener Bezugspersonen, kindlichen Gefühlen in emotional überfordernden Situationen Raum und Halt zu geben, damit das Kind diese Überforderung meistern
kann.“ (Jesper Juul: „Vom Gehorsam zur Verantwortung. Wie Gleichwürdigkeit in der Schule gelingt.“ Beltz Verlag 2019; S. 168)
Das gemeinsame Gespräch mit der Möglichkeit, in Ruhe und mit Zeit in einen Dialog zu kommen, sehe ich dabei als wesentliche Voraussetzung an! Die Kinder werden vielleicht erst einmal gar nicht viel erzählen wollen, doch ihnen immer wieder, über die kommenden Wochen und Monate hinweg, die Gelegenheit dazu zu geben, ist wichtig und vorrangig: Gespräche in der Gruppe sind dabei genauso wichtig wie die Gelegenheit zum persönlichen Austausch.
Vermutlich werden diese überfordernden Wochen sich eher unter dem Deckmantel von neu auftauchenden Konflikten, Missverständnissen, im Unwillen und fehlender Motivation zeigen. Wochenlang sind den Kindern die Säulen der sozialen Beziehungen außerhalb der Familie weggebrochen - es wird Zeit und Geduld von allen Beteiligten brauchen, sich wieder an andere Menschen zu gewöhnen, wieder Teil einer Gruppe zu werden.
Und die Erzieherinnen, LehrerInnen, Pädagogen selbst? Jesper Juul nennt als Voraussetzung, dass „der Erwachsene emotional selbst stabil und ruhig ist“ (S.186). Das ist in diesen Zeiten auch für uns eine große
Herausforderung!! Je aufmerksamer wir uns selbst um unsere Ressourcen und Kraftquellen kümmern, umso besser können wir den Kindern mit Empathie begegnen und ihnen den nötigen „Raum und Halt“ zu geben.
In meinen Augen liegt in der Begegnung, in der Arbeit mit Kindern in den kommenden Monaten eine sehr große Verantwortung, sie trifft den Kern pädagogischen Tuns. Es geht nicht in erster Linie darum, das Verpasste aufzuholen!
Kinder brauchen jetzt Erwachsene, die „gut stehen“ und im Sinne der Resilienz Zuversicht, Akzeptanz, Flexibilität und Lösungsorientierung ausstrahlen. Ich zitiere noch einmal Jesper Juul: „Das Mitgefühl in schwierigen Situationen, in Situationen, in denen wir überfordert sind“ kann „als emotionale Ressource
bewusst aktiviert“ werden und eine wirklich „überraschende … Erfahrung“ werden. „Das geht über die emotionale Anbindung an sich selbst. Mitgefühl ist in diesem Sinne auch eine bewusste Entscheidung.“ (S.186)
So kann Vieles von der Energie, die in die Begegnung mit den Kindern investiert wird, zurückfließen und dadurch auch den erwachsenen Bezugspersonen Kraft geben!

​Die Familienkonferenz

Die Familienkonferenz - Ein sinnvolles Ritual, nicht nur zu Corona Zeiten Gerade in Zeiten einer Krise ist es für das Zusammenleben in Familien sinnvoll und entlastend, auf das vielfach bewährte Ritual einer sogenannten „Familienkonferenz“ zurück zu greifen.

Der Begriff stammt von dem Psychologen Thomas Gordon (1970). Die Idee ist, dass die Familie einen Raum schafft, in dem sich alle Mitglieder bewusst Zeit nehmen, um Probleme oder Unstimmigkeiten in Ruhe und im gegenseitigen Respekt anzusprechen um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Grundlage dafür ist das Wissen darum, dass die Familie ein „System“ ist.

Das bedeutet, jede/r ist mit allen anderen verbunden und bis zu einem gewissen Grad sind alle voneinander abhängig. Eine Krise / ein Konflikt oder Unstimmigkeiten wirken in das System hinein wie ein Stein, der im Wasser Wellen verursacht.

Die Gründe dafür, eine solche Konferenz „einzuberufen“, können vielfältig sein. Wichtig ist, dass jedes Familienmitglied die gleiche Zeit bekommt, um ein Anliegen vorzutragen. Alle anderen hören erst einmal still zu, danach ist auch „aktives Zuhören“ sinnvoll: „Also du sagst, dass es dich stört, wenn….“ Dies stärkt die Empathie und Missverständnissen wird vorgebeugt! Der Vortragende kann abschließend noch einen Wunsch äußern oder einen Vorschlag machen, bevor sich alle anderen äußern können.

 

Es kann hilfreich sein, dass ein Mitglied die Konferenz / das Gespräch „leitet“, ein wenig in Bahnen lenkt; diese Aufgabe können durchaus auch Kinder übernehmen!

Wichtig ist, darauf zu achten, dass es nicht zu einer „Diskussion“ kommt, sondern der Fokus wirklich auf dem Zuhören und Verstehen liegt sowie auf der Suche nach Lösungen und Alternativen, die für alle stimmig sind.

Hilfreich sind „Ich“-Botschaften: „Es ärgert mich, wenn du…, weil mir Ordnung wichtig ist!“ (Anstatt: „Du lässt immer überall irgendetwas liegen!“)

Einige Familien setzen sich sehr regelmäßig zusammen, andere berufen die Konferenz eher dann ein, wenn es größere Themen gibt oder die Gesamtstimmung in der Familie nicht gut ist.

Die Länge der Familienkonferenz sollte vom Alter der Kinder abhängig gemacht werden; möglich sind solche Zusammenkünfte bereits für Kinder im Kindergartenalter!

Viele Erfahrungen zeigen, dass Entscheidungen, die in einem solchen Rahmen getroffen wurden, längerfristig zu Veränderungen führen, denn alle fühlen sich mit diesem Thema „verbunden“ durch den gemeinsamen Fokus.

Grundlegende Signale, die von solchen Familienkonferenzen ausgehen, sind:

- Unsere Familie nimmt sich Zeit, miteinander zu sprechen und Lösungen zu suchen.

- Wir achten darauf, wie wir miteinander sprechen.

- Die Ansichten jedes/ jeder Einzelnen werden gehört und geachtet.

Dabei kann es vorkommen, dass dieses Ritual eine gewisse „Übungszeit“ benötigt oder auch nicht jede Konferenz zu einem durchschlagenden Erfolg führt.

Doch der wertschätzende, achtsame Umgang miteinander wird in jedem Fall gefördert!

Es gibt Situationen, in denen es notwendig ist, Hilfestellung von außen mit in die Familie einzubinden. Hier findet Ihr Kontaktdaten von Hilfsangeboten

​Pippi Langstrumpf in Corona-Zeiten

Astrid Lindgren hat mit Pippi Langstrumpf eine äußerst resiliente Figur erschaffen! Pippi ist immer voller kreativer Ideen, findet immer Lösungen und Wege und kann jeder noch so merkwürdigen Situation etwas abgewinnen.

Dabei ist sie voller Zuversicht und Vertrauen: Obwohl ihre Mutter nicht mehr lebt und der Vater über die Meere schippert, fühlt sie sich nicht verlassen und akzeptiert ihre Situation voll und ganz. Dabei hat sie andere Menschen, besonders Kinder sehr im Blick und es macht sie glücklich, wenn sie diesen eine Freude machen kann.

Was würde Pippi nun tun, in Zeiten des Kontaktverbotes?

Wie würde sie den Kontakt zu Thomas und Annika halten (ohne Handy ;) )?

Welche Idee würde sie entwickeln, um Kindern in der Stadt hinter ihren Fenstern, auf den Balkonen, eine Freude zu machen?

Welche gemeinsamen Aktionen würde sie vielleicht anzetteln, die die Regel zwar einhalten und dennoch herrlich verrückt sind, so, wie Pippi nun mal ist?

Es kann für Kinder ein schöner Anlass sein, sich eine Geschichte auszudenken, ein Bild zu malen, einen Comic zu erfinden, die Pippi-Bücher nochmal herauszuholen, zu stöbern… ein Anlass, der einen kreativen Umgang mit der Situation ermöglicht und dabei hilft, sie zu verarbeiten…

Ein Tagebuch schreiben

Obwohl diese Ausnahmesituation, in der wir uns alle befinden, nun bereits über  Wochen anhält, ist es in meinen Augen nicht „zu spät“, noch mit einem Tagebuch zu beginnen.

Man könnte es ein „Persönliches Resilienztagebuch“ nennen:

Resilienzkräfte sind unsere Widerstandskräfte, die wir aktivieren können, um Krisen zu meistern. Diese sind für jeden Menschen sehr individuell und auch immer Veränderungen ausgesetzt.

Sowohl für Kinder & Jugendliche als auch für Erwachsene kann es sehr sinnvoll, interessant und für kommenden Zeiten eine wertvolle Kraftquelle sein, aufzuschreiben, wie wir mit der momentanen Situation, den verschiedenen Herausforderungen umgehen.

Wie gestalten / verbringen wir den Tag? Gibt es neue Gepflogenheiten? Hat sich eine Art neuer Rhythmus eingestellt?

Was hilft uns? Welche Tätigkeiten sind wohltuend, welche erleben wir als Kraftquelle? Welche Situationen oder Begebenheiten sind für die ganz Familie stärkend? Wer tut wem gut und womit?

Was sollte am besten derzeit vermieden werden? Wo verstecken sich Krafträuber?

Welche Gedanken / Sorgen begleiten uns? Was genau ist am schwierigsten auszuhalten? Was wird am stärksten vermisst?

Diese Fragen mögen Anstöße geben, die Tage mit ein wenig Abstand zu reflektieren und einiges niederzuschreiben! Viel Freude mit Ihrem Tagebuch!

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